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Dunkle Farben auf Dämmfassaden: Hellbezugswert und TSR verständlich erklärt

· Paul Zgraggen
Dunkle Farben auf Dämmfassaden: Hellbezugswert und TSR verständlich erklärt

Anthrazit, Dunkelbraun oder ein kräftiges Blau können einer Fassade einen markanten Ausdruck geben. Bei einer verputzten Aussenwärmedämmung beeinflusst die Farbwahl allerdings auch die thermische Beanspruchung des Aufbaus. Wie stark sich die Oberfläche unter Sonneneinstrahlung erwärmt, lässt sich am Farbeindruck allein nur begrenzt beurteilen. Dafür sind zwei Kennwerte wichtig: Hellbezugswert und TSR. Sie beschreiben unterschiedliche Eigenschaften und müssen zusammen mit den Vorgaben des Fassadensystems betrachtet werden.

Warum dunkle Fassadenfarben die Dämmfassade stärker beanspruchen

Eine Oberfläche erwärmt sich, wenn sie Sonnenstrahlung absorbiert. Dunkle Beschichtungen nehmen häufig mehr Strahlungsenergie auf als helle. Ihre Temperatur kann deshalb deutlich über der Aussenlufttemperatur liegen.

Bei einer verputzten Aussenwärmedämmung, kurz VAWD, begrenzt der Dämmstoff den Wärmetransport von der äusseren Putzschicht zum dahinterliegenden Mauerwerk. Die Oberfläche kann sich entsprechend stark aufheizen. Bei Verschattung oder einem Regenschauer kühlt sie wieder ab.

Diese Temperaturwechsel führen zu Ausdehnung und Zusammenziehen der beteiligten Materialien. Daraus entstehen Spannungen, die der abgestimmte Systemaufbau aufnehmen muss. Bei ungünstigen Voraussetzungen können Risse oder weitere Schäden entstehen. Neben dem Farbton spielen deshalb auch Dämmstoff, Putzaufbau, Armierung und Ausführungsqualität eine Rolle.

Hellbezugswert und TSR: Was ist der Unterschied?

Der Hellbezugswert beschreibt die sichtbare Helligkeit

Der Hellbezugswert, abgekürzt HBW, beschreibt das Reflexionsverhalten einer Oberfläche im sichtbaren Licht unter Berücksichtigung der Helligkeitsempfindlichkeit des menschlichen Auges. Die Skala reicht theoretisch von 0 für Schwarz bis 100 für Weiss.

Ein niedriger HBW kennzeichnet einen dunklen, ein hoher einen hellen Farbton. Der Wert ist damit eine wichtige Orientierung bei der Farbplanung.

Er beschreibt jedoch nicht, welcher Anteil der gesamten Sonnenenergie reflektiert wird. Ein HBW von 20 bedeutet daher nicht, dass die Oberfläche 20 Prozent der gesamten Sonnenstrahlung zurückwirft.

Der TSR-Wert berücksichtigt die gesamte Solarstrahlung

TSR steht für «Total Solar Reflectance», auf Deutsch totale solare Reflexion. Dieser Wert beschreibt den Anteil der reflektierten Sonnenstrahlung über das relevante solare Spektrum hinweg. Dazu gehören neben dem sichtbaren Licht auch ultraviolette und nahe infrarote Strahlung.

Ein TSR-Wert von 35 Prozent bedeutet, dass unter den jeweiligen Messbedingungen 35 Prozent der auftreffenden Solarstrahlung reflektiert werden. Bei sonst gleichen Bedingungen verringert ein höherer TSR-Wert die solare Erwärmung.

Spezielle Pigmente können die Reflexion im nahen Infrarot erhöhen, während die Beschichtung für das Auge dunkel bleibt. Diesen Zusammenhang erläutert auch der Schweizerische Maler- und Gipserunternehmer-Verband in seinem Fachbeitrag zu TSR-Pigmenten auf Fassaden.

Gleiche Helligkeit bedeutet nicht gleiche Erwärmung

Zwei nahezu gleich aussehende anthrazitfarbene Beschichtungen können einen ähnlichen Hellbezugswert, aber unterschiedliche TSR-Werte haben. Entscheidend ist unter anderem die verwendete Pigmentmischung.

Aus dem HBW lässt sich deshalb kein zuverlässiger TSR-Wert berechnen. Ebenso wenig lässt sich einem TSR-Wert eine feste Oberflächentemperatur zuordnen: Sonneneinstrahlung, Ausrichtung, Wind und Umgebungstemperatur beeinflussen die tatsächliche Erwärmung.

Welche Grenzwerte sind bei der Farbwahl massgebend?

Für die Planung zählt der zulässige Einsatzbereich des konkreten Fassadensystems. In Schweizer Herstellerunterlagen ist beispielsweise ein HBW von 30 als Grenze anzutreffen, bei deren Unterschreitung zusätzliche Abklärungen oder Bedingungen vorgesehen sind. Daraus folgt weder ein allgemeines Verbot dunklerer Farbtöne noch deren pauschale Eignung bei einem bestimmten TSR-Wert.

Zu prüfen sind die für das Bauvorhaben massgebenden Normen, die aktuellen Systemunterlagen und die objektspezifischen Vorgaben des Systemhalters. Je nach Aufbau können besondere Beschichtungen, angepasste Armierungsschichten oder weitere Massnahmen erforderlich sein.

Ein günstiger TSR-Wert allein ist keine Freigabe für den gesamten Fassadenaufbau. Auch Herstellerangaben aus einem anderen Land oder zu einem anderen Dämmsystem lassen sich nicht ohne Prüfung übertragen.

Entscheidungshilfe vor der Farbfreigabe

Die folgenden Prüfschritte helfen, gestalterische Wünsche früh mit den technischen Voraussetzungen abzugleichen:

Prüffrage Was vor der Ausführung zu klären ist
Welches Fassadensystem wird eingesetzt? Systembezeichnung, Dämmstoff, Armierungsaufbau, Deckputz und Schlussbeschichtung eindeutig festlegen.
Liegt der gewünschte HBW im vorgesehenen Einsatzbereich? Den Wert für das ausgewählte Produkt und den konkreten Farbton mit den aktuellen Systemvorgaben vergleichen.
Wird eine Systemgrenze unterschritten? Den TSR-Wert bestätigen und die erforderlichen Zusatzmassnahmen durch den Systemhalter beurteilen lassen.
Worauf bezieht sich die TSR-Angabe? Prüfen, ob sie für die vorgesehene Rezeptur und die relevanten Untergrund- und Beschichtungsbedingungen gilt.
Ist die Anwendung am Objekt bestätigt? Eine erforderliche schriftliche Freigabe mit Bezug auf Aufbau, Farbton, Fassadenflächen und Ausführungsbedingungen einholen.

Eine Farbnummer allein reicht für diese Prüfung nicht aus. Derselbe Farbton kann in unterschiedlichen Produkten mit anderen Pigmentrezepturen hergestellt werden. Die technischen Eigenschaften sind daher für die tatsächlich bestellte Beschichtung zu bestätigen.

Auch ein dunkles Band oder eine kleine Akzentfläche sollte nicht allein wegen ihrer geringen Grösse als unkritisch eingestuft werden. Ob Flächenanteil, Lage oder Verschattung eine abweichende Lösung erlauben, gehört in die Beurteilung des konkreten Systems.

Bei bestehenden Dämmfassaden zuerst den Aufbau klären

Soll eine bisher helle Fassade dunkel gestrichen werden, verändert sich ihre thermische Beanspruchung. Eine Freigabe für einen Neubauaufbau lässt sich deshalb nicht automatisch auf eine bestehende VAWD übertragen.

Vor der Farbentscheidung sollten vorhandene Unterlagen ausgewertet und der Zustand der Fassade untersucht werden. Zu klären sind insbesondere Dämmstoff, Putz- und Armierungsaufbau, frühere Beschichtungen sowie vorhandene Risse oder Ablösungen. Wo entscheidende Informationen fehlen, können gezielte Sondierungen erforderlich sein.

Auch der Untergrund kann den TSR-Wert beeinflussen: Eine im sichtbaren Licht deckende Beschichtung kann für nahe Infrarotstrahlung teilweise durchlässig sein. Ein heller Untergrund kann dann zur Gesamtreflexion beitragen. Ein Messwert auf einer bestimmten Prüfunterlage muss deshalb zum vorgesehenen Beschichtungsaufbau passen.

Farbwahl und Ausführung gemeinsam dokumentieren

Die technische Klärung sollte vor Ausschreibung und Bestellung abgeschlossen sein. Sinnvoll ist, Produkt, Farbton, bestätigte Kennwerte, vorgesehenen Schichtaufbau und allfällige Freigabebedingungen gemeinsam festzuhalten. So erhalten Planung, Bauleitung und ausführendes Unternehmen dieselbe Grundlage.

Eine Musterfläche hilft, Farbwirkung und Putzstruktur unter realen Lichtverhältnissen zu beurteilen. Den technischen Eignungsnachweis ersetzt sie nicht. Bei der Ausführung sind insbesondere vorgeschriebene Schichtdicken, Armierungsdetails und Verarbeitungsbedingungen einzuhalten.

Dunkle Fassadenfarben lassen sich auf geeigneten Dämmfassadensystemen realisieren. Voraussetzung ist, dass der gewünschte Farbeindruck mit nachgewiesenen Produkteigenschaften und einem dafür vorgesehenen Gesamtaufbau zusammenpasst.