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Risse in der verputzten Fassade: Ursachen erkennen und richtig abklären

· Paul Zgraggen
Risse in der verputzten Fassade: Ursachen erkennen und richtig abklären

Ein feiner Riss unter dem Fenster, eine Linie entlang des Sockels oder ein ganzes Netz kleiner Risse: Veränderungen an der verputzten Fassade verunsichern viele Eigentümerinnen und Eigentümer. Entscheidend ist, welche Schichten betroffen sind, wodurch der Riss entstanden ist und ob sich sein Zustand verändert. Gerade bei einer verputzten Aussenwärmedämmung lässt sich das aus dem sichtbaren Rissbild allein häufig nicht zuverlässig ableiten.

Weshalb der Fassadenaufbau für die Beurteilung zählt

Eine verputzte Aussenwärmedämmung besteht aus mehreren aufeinander abgestimmten Schichten: Dämmplatten mit ihrer Befestigung, einer bewehrten Putzschicht mit Gewebeeinlage sowie dem Deckputz und gegebenenfalls einem Anstrich. Dahinter liegt der tragende Untergrund, beispielsweise Mauerwerk oder Beton.

Risse können auf die äusserste Beschichtung begrenzt sein, mehrere Putzschichten durchziehen oder mit Bewegungen im Untergrund zusammenhängen. Diese Unterschiede bestimmen, welche Untersuchung und welche Instandsetzung sinnvoll sind.

Die Rissbreite allein reicht für eine Beurteilung nicht aus. Ebenso wichtig sind Verlauf, Tiefe, Lage, Feuchtebelastung und zeitliche Entwicklung. Auch ein schmaler Riss verdient Aufmerksamkeit, wenn er an einem wasserbeanspruchten Anschluss liegt.

Typische Rissbilder und mögliche Ursachen

Rissbilder liefern Hinweise für die Untersuchung. Sie sind jedoch kein eindeutiger Nachweis einer bestimmten Ursache.

Feine, netzartige Risse in der Fläche

Ein unregelmässiges Netz feiner Risse kann durch Schwinden während des Erhärtens und Trocknens von Putz entstehen. Mögliche Einflussfaktoren sind die Verarbeitung, die Schichtdicke und die Witterung während der Ausführung. Starke Sonne oder Wind können frische Putzflächen zu rasch austrocknen lassen.

Zu klären ist, ob lediglich der Deckputz betroffen ist oder die Risse tiefer reichen. Auch die Haftung zwischen den Schichten kann für die Beurteilung relevant sein.

Diagonale Risse an Fenster- und Türecken

An den Ecken von Öffnungen konzentrieren sich Spannungen. Von dort ausgehende Diagonalrisse können auf eine unzureichende zusätzliche Bewehrung, ungünstige Dämmplattenzuschnitte oder Bewegungen im Untergrund hinweisen.

Die Aussage «Hier fehlt das Diagonalgewebe» wäre anhand eines Fotos voreilig. Ob die Bewehrung vorhanden und richtig eingebettet ist, lässt sich gegebenenfalls erst durch eine gezielte Öffnung feststellen.

Risse entlang von Dämmplattenstössen

Regelmässige, rechteckige Rissverläufe können mit den Stössen der Dämmplatten zusammenhängen. Bei solchen Putzrissen an einer Aussenwärmedämmung sind unter anderem der Plattenverband, die Verklebung sowie Dicke und Ausführung der bewehrten Putzschicht zu prüfen.

Dabei muss zwischen tatsächlichen Rissen und bloss sichtbaren Plattenabzeichnungen unterschieden werden. Verschmutzung oder unterschiedliche Oberflächenfeuchte können ebenfalls ein regelmässiges Muster erzeugen.

Risse an Anschlüssen und Materialwechseln

Fensterrahmen, Fensterbänke, Bleche und verputzte Flächen reagieren unterschiedlich auf Temperatur und Feuchtigkeit. Anschlüsse müssen diese Bewegungen konstruktiv berücksichtigen.

Risse entstehen beispielsweise dort, wo ein starrer Putzanschluss Bewegungen nicht aufnehmen kann. Bei Fensterbänken sind neben dem sichtbaren Riss auch die seitlichen Anschlüsse und die Wasserführung zu untersuchen. Im Sockelbereich kommen Spritzwasser, Feuchtigkeit aus angrenzenden Bauteilen und mechanische Beanspruchungen als zusätzliche Einflüsse hinzu.

Lange, durchgehende oder versetzte Risse

Längere horizontale, vertikale oder treppenförmige Risse können mit Bauteilübergängen oder Verformungen des Untergrunds zusammenhängen. Besondere Aufmerksamkeit benötigen Stellen, an denen die beiden Rissufer gegeneinander versetzt erscheinen.

Gibt es zusätzlich entsprechende Risse im Gebäudeinnern oder neu klemmende Türen und Fenster, sollte auch ein möglicher Zusammenhang mit dem Tragwerk untersucht werden. Ein langer Fassadenriss bedeutet allerdings nicht automatisch, dass ein statisches Problem vorliegt.

Risse in der Fassade nachvollziehbar dokumentieren

Eine gute Dokumentation hilft, Veränderungen zu erkennen und die spätere Untersuchung vorzubereiten. Bereits bei der ersten Feststellung sollten Übersicht und Detail zusammen erfasst werden.

  1. Lage festhalten: Fassadenseite, Geschoss und Bezugspunkte notieren, etwa «Westfassade, untere rechte Ecke des Küchenfensters».
  2. Übersichtsaufnahme erstellen: Das betroffene Fassadenfeld mit Fenstern, Sockel oder anderen Orientierungspunkten fotografieren.
  3. Detailaufnahme ergänzen: Den Riss scharf und möglichst senkrecht zur Oberfläche aufnehmen. Einen Massstab danebenhalten, ohne die Oberfläche zu beschädigen.
  4. Datum und Bedingungen notieren: Temperatur, direkte Sonneneinstrahlung, trockene oder feuchte Oberfläche sowie vorausgegangenen Regen festhalten.
  5. Begleiterscheinungen erfassen: Feuchteflecken, Abplatzungen, Verfärbungen und frühere Reparaturstellen dokumentieren.
  6. Vergleich ermöglichen: Spätere Fotos möglichst aus derselben Position und unter ähnlichen Bedingungen aufnehmen.

Smartphone-Fotos allein erlauben meist keine zuverlässige Messung sehr kleiner Rissbreiten. Dafür eignet sich ein Rissvergleichsmassstab besser. Bei vermuteten Bewegungen kann eine Fachperson geeignete Messpunkte oder Rissmonitore einrichten.

Risse sollten vor der Bestandsaufnahme weder aufgekratzt noch verfüllt oder überstrichen werden. Dadurch können wichtige Hinweise verloren gehen. Für schwer zugängliche Stellen ist ein sicherer Zugang durch Fachpersonen vorzusehen.

Wann eine vertiefte Untersuchung erforderlich ist

Eine fachliche Erstbeurteilung sollte klären, ob eine dokumentierte Beobachtung genügt oder weitere Prüfungen notwendig sind. Zeitnah abzuklären sind insbesondere folgende Situationen:

  • Risse werden länger, breiter oder treten an weiteren Stellen auf.
  • Nach Regen zeigen sich Feuchteflecken oder Wasser gelangt ins Gebäude.
  • Putzflächen wölben sich, platzen ab oder lösen sich.
  • Risse kehren nach einer Reparatur wieder.
  • Mehrere gleichartige Schäden betreffen verschiedene Fassadenflächen.
  • Es bestehen Hinweise auf Bewegungen im tragenden Untergrund.

Bei losen Fassadenteilen über Wegen oder Eingängen muss der betroffene Bereich gegen Zutritt gesichert und die Gefahr unverzüglich fachlich beurteilt werden.

Auch vor einer geplanten Fassadenrenovation lohnt sich die Ursachenklärung. Ein neuer Anstrich kann vorhandene Risse vorübergehend verdecken, ohne deren Auslöser zu beheben.

Was eine fachliche Abklärung leisten sollte

Eine Untersuchung beginnt mit der Baugeschichte: Wann wurde die Fassade erstellt? Welches Dämmsystem wurde verwendet? Wann traten die Risse erstmals auf? Gab es Umbauten, Wassereintritte oder frühere Instandsetzungen?

Anschliessend werden Rissverteilung, Anschlüsse und Zustand der Fassadenflächen aufgenommen. Je nach Befund folgen Feuchteprüfungen, Haftungsprüfungen oder örtliche Bauteilöffnungen. Diese können Aufschluss über Schichtdicken, Gewebelage und den tatsächlichen Rissverlauf geben. Prüfstellen sollten gezielt gewählt und anschliessend fachgerecht geschlossen werden.

Für die technische Einordnung stellt der Schweizerische Maler- und Gipserunternehmer-Verband Merkblätter zu Rissen, Putzarbeiten und verputzten Aussenwärmedämmungen bereit. Welche Grundlagen für ein konkretes Gebäude massgebend sind, muss die Fachperson anhand des Systems, des Bauzeitpunkts und der Unterlagen prüfen.

Ein brauchbarer Untersuchungsbericht unterscheidet zwischen festgestellten Tatsachen, wahrscheinlichen Ursachen und offenen Fragen. Er beschreibt ausserdem, welche Massnahmen erforderlich sind und wie deren Erfolg kontrolliert werden kann.

Die Reparatur aus dem Befund ableiten

Bei begrenzten, ruhenden Oberflächenrissen kann eine abgestimmte Überarbeitung ausreichen. Bei mangelhaften Anschlüssen muss das betreffende Detail verbessert werden. Sind tiefere Schichten, die Befestigung oder der Untergrund betroffen, braucht es entsprechend weitergehende Massnahmen.

Die gewählten Materialien müssen zum bestehenden Fassadensystem passen. Bewegungsfugen dürfen nicht einfach starr überputzt werden. Bei aktiven Rissen ist zuerst zu klären, wie die zugrunde liegende Bewegung berücksichtigt werden kann.

Vor der Ausführung sollten deshalb Ursache, Reparaturumfang und Anschlussdetails schriftlich feststehen. Ergänzende Fotos während der Arbeiten dokumentieren jene Schichten, die nach Abschluss wieder verdeckt sind.